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Schwerpunkt Familie und Beruf – Interview mit Dr. Anette Bunse, MdL NRW

Im Interview: Dr. Anette Bunse (CDU, MdL NRW)

Noch im Dezember 2016 konnte unser Verbandsmitglied Dr. Nina Paulic ein ausführliches Interview mit Dr. Anette Bunse (CDU, MdL NRW) führen. Darin erzählt Dr. Bunse von ihrem persönlichen Lebensweg, über Möglichkeiten der Selbstfindung und zeigt auf, dass Familie und Beruf auch nacheinander gelebt werden können.


KRFD: Wie haben Sie sich als kleines Mädchen vorgestellt, als erwachsene Frau zu leben?

Dr. Bunse: Ich hatte schon als kleines Mädchen den Traum zu heiraten und am liebsten eine große Familie zu gründen. Genauso wichtig war aber der Gedanke, als erwachsene Frau einen Beruf zu haben. Schon sehr frühzeitig und auch sehr durchgängig war mein Berufsziel klar: ich wollte Kinderärztin werden – am liebsten in Afrika, weil ich wusste, dass es dort sehr viele arme Kinder gab.
Das war ein Thema meiner Kindheit: uns Kindern geht es hier sehr gut – Kindern in anderen Ländern geht es deutlich weniger gut.

KRFD: Wie wurde „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf in Ihrer Ursprungsfamilie gelebt?

Dr. Bunse: Meine Mutter war Grundschullehrerin. Nach meiner Geburt hat sie noch wenige Monate – wie sie noch heute sagt – „schweren Herzens“ gearbeitet, um sich dann vollständig ihrer Familie zu widmen.
Nach mir wurden noch eine 2 Jahre jüngere Schwester und ein 4 Jahre jüngerer Bruder geboren. Trotz eines sehr konservativen Umfeldes auf dem Dorf, nahm meine Mutter den Schuldienst wieder auf, als mein Bruder die zweite Klasse besuchte.
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde zu der damaligen Zeit, also in den 60er und 70er Jahren, sicher sehr fortschrittlich gelebt – allerdings, das gehört zur Wahrheit dazu, mit personeller Unterstützung im Haushalt. Meine Mutter haben wir Kinder also als „moderne Frau“ erlebt.

KRFD: Was davon haben Sie so gelebt? Was davon kam anders? (Informationen über Ihre aktuelle Lebenssituation) Wie sieht Ihr Leben mit Familie und Beruf aus?

Dr. Bunse: Als ich mein Medizinstudium aufgenommen habe, war mein zukünftiger Mann gerade Assistenzarzt und wir haben nach dem Bestehen meines ersten Staatsexamen geheiratet. Während des Studiums wurde unser erster Sohn geboren und kurz vor Beendigung meines Studiums unser zweiter Sohn. So waren die letzten Semester meines Studiums davon geprägt, dass jeder Tag rund um die Uhr durchorganisiert sein musste und außerdem plagte mich ständig ein schlechtes Gewissen meinem ältesten Sohn gegenüber, der ganz offensichtlich nicht glücklich über wechselnde Bezugspersonen war. Im Anschluss an mein Studium habe ich mir dann eine Auszeit nur für die Familie genommen. Geplant war dann eine Halbtagsstelle als Assistenzärztin in einem Krankenhaus. Es kam aber anders: mein Mann war beruflich sehr eingebunden. So existierte zwar der Plan Assistenzärztin zu werden in meinem Hinterkopf, gelebt wurde aber das Modell Familie mit schließlich vier Kindern, Hund und ehrenamtlichem Engagement meinerseits rund um die Belange der Kinder in Schule, Musik, Sport und Kirche. Außerdem konnten damals viele Kontakte zu Freunden, Bekannten und der Familie gepflegt werden.

Sehr anders wurde mein Leben dann, als ich mit 51 Jahren ein Ratsmandat erwarb und schließlich mit 54 Jahren mein Landtagsmandat erreichte: die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt in genau dem Alter, um das Haus zu verlassen und ich war frei, um mich dieser neuen Aufgabe widmen zu können.

KRFD: Welchen Weg haben Sie für sich gefunden, Kinder und Beruf leben zu können?

Dr. Bunse: Auch ohne den gelernten Beruf auszuüben, habe ich mich selbst gefunden: durch mein Engagement rund um die Kinder und durch die Teilnahme an vielen Fortbildungen zum Thema Naturheilmedizin und Chinesische Medizin war ich gedanklich nie eingeengt.

KRFD: Bezogen auf das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ – Wie sieht ein besonders schöner, gelungener Tag von Ihnen aus?

Dr. Bunse: Ein gelungener Tag startet zu Hause mit einem gemeinsamen Frühstück mit meinem Mann, Telefonaten aus dem Auto mit den Kindern auf dem Weg nach Düsseldorf in den Landtag, dem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen in der Fraktion bzw. in den Ausschüssen (das macht mir immer sehr viel Freude) und einer Rückkehr in das Wohnzimmer – möglichst zur Tagesschau.
Anschließend sortiere ich mich dann noch gerne für den nächsten Tag am Schreibtisch und bin schließlich müde und zufrieden.

KRFD: Und wie sieht ein Chaostag, ein schrecklicher Tag aus?

Dr. Bunse: Eigentlich gibt es keine schrecklichen Tage. Weil ich dieses neue Leben mit Beruf so spät angefangen habe, ist alles noch sehr neu und spannend - so bin ich sehr motiviert und engagiert. Manchmal versuche ich an zwei bis drei Terminen gleichzeitig zu sein – dann wird es meist irgendwann zu viel.

KRFD: Was würde Ihr Mann mir antworten, wie es Ihnen gelingt Familie und Beruf zu leben?

Dr. Bunse: Er würde sagen, dass mir das gelingt, dass er aber auch sehr viel Zeit damit verbringt, unseren Haushalt mit zu organisieren: er kocht und kauft gerne ein. Und er würde sagen, dass er an den vielen Abenden, an denen ich erst spät nach Hause komme, die Ruhe genießt, liest oder selbst auch am Schreibtisch sitzt und dann die Telefongespräche mit den Kindern führt.

KRFD: Was würden Ihre Kinder darauf antworten?

Dr. Bunse: Sie haben ja nur erlebt, dass ich ehrenamtlich unterwegs war – und da haben sie irgendwann einmal gesagt, dass sie ganz gut ohne mich auskommen würden. Sie waren als Schülerinnen und Schüler früh sehr selbständig, gut organisiert und hatten Freundinnen, Freunde, Hobbys und haben ihr Zuhause auch ohne mich genossen.

KRFD: Und Sie selber?

Dr. Bunse: Ich würde sagen, dass es mir gelungen ist, weil ich persönlich den großen Vorteil hatte, Familie und Beruf „nacheinander“ leben zu können, was sicherlich nicht selbstverständlich und für viele Frauen auch gar nicht möglich ist. Die Zeit im praktischen Jahr im Krankenhaus - mit damals einem kleinen Kind - hat mir gezeigt, dass ein streng durchgetakteter Alltag häufig sehr belastend sein kann. Meine Familienphase war vielleicht etwas lang und vielleicht hätte ich mich eher trauen sollen, einen Einstieg in das Berufsleben zu wagen. Aber hier muss aus meiner Sicht auch mehr für Frauen getan werden, die nach einer länger andauernden Familienphase einen Wieder- oder Neueinstieg in die Berufswelt planen. Man muss Ihnen Mut machen, sich den Neubeginn zuzutrauen.

KRFD: Wer hat Sie auf Ihrem Weg, Vereinbarkeit zu leben, unterstützt und Ihnen „gut getan“? Wie hat er / sie das gemacht? Was hat Ihnen geholfen?

Dr. Bunse: Mein Mann hat mich unterstützt. Er hat mich motiviert und hat Tätigkeiten im Haushalt übernommen – das hätte er als junger Mann in diesem Ausmaß wohl eher nicht gekonnt.

KRFD: Was war / ist für Sie die größte Herausforderung?

Dr. Bunse: Einen wichtigen Termin in der Familie nicht wahrnehmen zu können, weil ich beruflich verpflichtet bin. Das Gefühl zu haben, meiner Fürsorgepflicht in der Familie nicht nachkommen zu können. Eine große Herausforderung ist es aktuell für mich, meiner eigenen Mutter gerecht zu werden bzw. ihr Zeit zu schenken.

KRFD: „Wenn ich König(in) von Deutschland wäre…“ Was würden Sie als Politikerin verändern, um junge Eltern in Deutschland bei der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu unterstützen?

Dr. Bunse: Ich würde immer sagen bzw. sage das auch, dass es Phasen in einem meist jungen Familienleben gibt, in denen ich mir nicht vorstellen kann, dass beide Partner jeder für sich zu 100 Prozent Beruf und Familie leben können und dabei allen, allem und sich selbst gerecht werden. Darum muss jeder bzw. jedes Paar für sich entscheiden, wo Abstriche gemacht werden können. Da, wo jemand Verzicht übt zu Gunsten der Familie, muss unsere Gesellschaft, muss Politik bereit sein, für einen adäquaten Ausgleich zu sorgen und vor allen Dingen muss die Gesellschaft, muss die Wirtschaft das Potential von Frauen und Männern nach einer Familienpause wertschätzen und nutzen. Als „Königin“ würde ich eine Kampagne „Frauen 40plus in den Beruf“ starten. Junge Mütter würde ich dazu ermuntern, ihren neuen Lebensabschnitt sehr selbstbestimmt zu gestalten und zu genießen.

KRFD: Mit welchen persönlichen Stärken haben Sie sich selbst geholfen? Was an Ihrer Persönlichkeit macht Ihren Weg lebbar? Warum passt Ihr Weg zu Ihnen?

Dr. Bunse: Ich bin optimistisch und eine Art emotionaler Pragmatismus kennzeichnet mich. Ich bin sehr gerne mit Menschen zusammen und sehr kommunikativ. Diese Fähigkeiten haben mir als Mutter und auch in meiner jetzigen Situation stets geholfen.

KRFD: Was würden Sie „unseren Töchtern“ und „unseren Söhnen“ raten?

Dr. Bunse: Töchtern und Söhnen rate ich: Erwerbt einen Berufsabschluss, schaut euch um, wagt es Kinder in die Welt zu setzen und genießt das – erst möglichst zu 100 Prozent – und entscheidet dann selbst, wann eure Kinder reif sind, eine Kita zu besuchen. Gönnt euch eine Rückkehr ins Berufsleben, aber kämpft immer für freie Zeiten mit der Familie. Bringt euch nicht unter den Stress immer und ständig eure Leben planen und das der Familie streng durchtakten zu müssen. Lasst euch nicht verunsichern – die meisten Menschen können und wollen Familie leben.

KRFD: Frau Dr. Bunse – wir danken für das Interview

Das Interview führte Dr. Nina Paulic, die in einer Patchwork-Familie mit vier Kindern bei Köln lebt. Dr. Paulic engagiert sich auch an anderer Stelle ehrenamtlich für unseren Verband. So bietet sie für Mitglieder eine kostenlose Beratung für Alleinerziehende mit drei und mehr Kindern an.

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Der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. ist im Jahr 2011 aus der Initiative engagierter kinderreicher Familien entstanden, vertritt 1,2 Millionen kinderreicher Familien in Deutschland und setzt sich in Politik, Wirtschaft und Medien für ihre Interessen ein. Der Verband versteht sich als Netzwerk von Mehrkindfamilien, die sich untereinander unterstützen und die Öffentlichkeit für ihre Anliegen erreichen wollen. Der Verband ist konfessionell ungebunden und überparteilich.

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