Kinderreich in Amerika – Ein Bericht
07.02.2018 13:42
von Admin

Kinderreich in Amerika – Ein Bericht

Seit mehr als einem Jahr lebt die Familie Theuke in den Vereinigten Staaten. Unser Verbandsmitglied Theresia Theuke beschreibt in ihrem Bericht ausführlich wie Kinderreichtum in den USA gesehen und gelebt wird. Und sie nimmt ihre Erfahrungen zum Anlass, eine Form der gesellschaftlichen Wertschätzung für kinderreiche Familien hervorzuheben, die auf Mut, Gesten und Aufmerksamkeit gründet. Hier ist ihr Bericht: 

We are Family

Theresia Theuke

Vor einem Jahr verschlug es mich und meine Familie in die Vereinigten Staaten von Amerika. Mit 12 Koffern, 6 Handgepäckstücken, 2 Geigen und nicht zuletzt vier Kindern im Gepäck brachen wir auf in unser amerikanisches Abenteuer. In den USA wartete ein Haus auf uns, ein Garten und eine ruhige Nachbarschaft. Hinter uns ließen wir eine 100qm große Wohnung, einen betonierten Innenhof und die Wiesbadener Innenstadt.

Wir waren also frohen Mutes und voller Vorfreude auf unser neues Zuhause.

Nun ist es nicht vollkommen unkompliziert, mit vier Kindern den Kontinent zu wechseln, aber ich war zuversichtlich, denn Amerikaner, so hieß es, sollten sehr freundlich und offenherzig sein. An diesen Strohhalm klammerte ich mich immer dann, wenn es stressig wurde.

Und tatsächlich, kaum waren wir aus dem Flugzeug gestiegen, griffen uns von allen Seiten hilfsbereite Menschen unter die Arme. Sie trugen unser Gepäck, halfen uns mit den Kindern und machten uns nicht zuletzt Komplimente ob der großen Kinderschar. In den ersten Tagen hatten wir so viele Komplimente über unsere „beautiful family“ gesammelt wie wir sie in den 6 Jahren in Deutschland, in denen wir Kinder hatten, nicht zu hören bekommen hatten.

Ich brauchte tatsächlich einige Wochen, bevor ich meine Abwehrhaltung gegen die Kommentare wildfremder Leute zu unseren Kindern und unserer Familie abgelegt hatte. Aus Deutschland kannte ich im Prinzip nur die Fragen: „Geplant oder nicht geplant?“ „Sind Zwillinge dabei?“ Und „Möchten Sie noch mehr Kinder?“ Ich war es leid, auf Fragen dieser Art zu antworten und den unverhohlen gaffenden Blicken von Menschen auszuweichen, für die Familie per Definition 2+1 oder 2+2 ist.

 

Kinderreiche willkommen? Eine deutsche Familie mit fünf Kindern findet ihre Antworten.

Inzwischen habe ich mich an die Familienfreundlichkeit der Amerikaner gewöhnt und ich möchte sie nicht mehr missen. Kinder sind hier so viel normaler als in Deutschland. Im Restaurant wird selbstverständlich der Hochstuhl gereicht, die Autos haben mehr Plätze und als Eltern werden wir anerkennend für unsere Erziehungsleistung gelobt.

„How come?“ würde der Amerikaner jetzt fragen. Immerhin liegt die Geburtenrate in den Vereinigten Staaten mit 1,84 nur geringfügig über der deutschen (1,50). Auch ich habe mich immer wieder gefragt, warum die Menschen hier in den USA Familien viel herzlicher und anerkennender begegnen.

„Family“ ist eine der drei tragende Säule der amerikanischen Gesellschaft. Neben „Faith“ und „Nation“ ist sie das Element, das einen Amerikaner zu einem Amerikaner macht.

Das ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es für amerikanische Familien kein Kindergeld gibt, nicht einen einzigen Cent. Genauso wenig gibt es bezahlten Mutterschutz, von Elterngeld oder Krippenplatzzuschlägen ganz zu schweigen. Auch der Steuerfreibetrag liegt in den USA deutlich unter dem deutschen. So beträgt er in Deutschland momentan 7356 € pro Kind, in Amerika lediglich je 4050 Dollar. Dazu kommt erschwerend hinzu, dass Bildung sehr, sehr teuer ist. Das beginnt bereits in der Vorschule und endet mit der College- oder Universitätsausbildung. Wer also gute Bildung will, ist entweder reich, hat wenige Kinder, verschuldet sich oder unterrichtet seine Kinder zu Hause. Die vielen kinderreichen Familien wählen dabei meistens den Mittelweg: Die Kinder werden bis zur vierten Klasse zu Hause unterrichtet und besuchen dann eine öffentliche weiterführende Schule, die keine finanziellen Belastungen mit sich bringt. Und für die handwerkliche, fachliche oder universitäre Ausbildung ist es normal, dass man sich fünf- oder sogar sechsstellig verschuldet, wenn man nicht gerade das Privileg eines Stipendiums genießt. Bafög, Wohngeld oder andere Vergünstigungen gibt es hier nicht.

Trotz der hohen finanziellen Belastung, die Kinder auch für Amerikaner darstellen, werden Kinder hier als viel größerer Reichtum wahrgenommen als in Deutschland. Wer viele Kinder hat, der leistet einen wundervollen Beitrag, nicht nur für das Land und die Community, sondern auch für sich selbst. Wer viele Kinder und nicht gerade Dollar im Überfluss hat, der ist ein wahrer Überlebenskünstler. Das Leben, eng auf Kante genäht, pendelt zwischen dem Abzahlen von Krediten und lebensnotwendigen Ausgaben. Im ohnehin knapp bemessenen Urlaub bleibt man als kinderreiche Familie zu Hause oder besucht Verwandte irgendwo im eigenen, riesigen Land.

Mir erscheint es immer wieder unglaublich, wieviel Mut viele Amerikaner beweisen, wenn sie Kindern das Leben schenken, wo sie doch wissen, dass der Staat keine zusätzlichen Finanzspritzen für sie bereithält. Ich frage mich dann immer, wie es kommt, dass Deutsche so zögerlich „Ja“ zu Kindern sagen, wo doch von Kindergeld über Elterngeld hin zum Wohngeld jede Menge Finanzierungsanreize gegeben sind.

Je länger ich in den USA bin, desto mehr wird mir klar, dass es zwei verschiedene Wege gibt, Familie, Familienarbeit und Kinderreichtum anzuerkennen. Den einen beschreitet der deutsche Staat. Er zeigt seine „Wertschätzung“ für Familien mit größeren und kleineren Geldbeträgen, die jedoch keinerlei Leistungsanreize setzen, sondern vielmehr oft Anlass für Neiddebatten und ideologisch geprägte Umverteilungskämpfe sind.

Versagt der Staat seinen Bürgern derlei finanzielle Leistungen, wie es in den Vereinigten Staaten der Fall ist, dann muss die Gesellschaft selbst das motivierende Element darstellen und anstelle des Staates Wertschätzung zeigen, insbesondere dann, wenn sie Familie als ein zu schützendes Gut betrachtet.

Was kann die Deutschland im Umgang mit Familien nun von den USA lernen? Zunächst einmal, dass Kindergeld allein noch lange keine kinderfreundliche Umgebung ausmacht. Es ist vielmehr die Gesellschaft, die entscheidet, ob Kinder positive oder negative Konnotationen hervorrufen. Auch wenn der Staat mit der finanziellen Unterstützung von Familien glücklicherweise eine positive Werthaltung zu Familien ausdrückt, reicht dies allein offensichtlich nicht aus, um eine familienfreundliche Kultur zu prägen. Sind nicht im täglichen Leben die weichen Faktoren oft ausschlaggebender als monetäre Anreize? Was können wir tun, um Familien Anerkennung zu zeigen, ohne sofort nach dem Füllhorn des Bundesfinanzministers zu rufen?

Im vergangenen Jahr konnte ich von den Amerikanern lernen, dass es in Bezug auf den Umgang mit Familien gerade die kleinen Gesten und Aufmerksamkeiten sind, die Mut machen und motivieren. Manchmal reicht schon ein Kompliment von einem Fremden, um einen stressigen Tag zu retten. Oder ein wachsamer Blick und eine helfende Hand, die die Tür aufhält, wenn man mit fünf Kindern samt Kinderwagen davorsteht. Ich würde mir wünschen, dass wir in Deutschland wieder mehr die Freude an Kindern und den Mehrwert von kinderreichen Familien schätzen lernen.

Die Autorin Theresia Theuke ist Mutter von fünf Kindern und ehemalige Vorsitzende des Landesverbandes Hessen. Sie erforscht für ihre Doktorarbeit die Vergangenheit und für ihren Blog „RethinkAmerica“ (https://www.rethinkamerica.de) die Gegenwart.

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Der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. ist im Jahr 2011 aus der Initiative engagierter kinderreicher Familien entstanden, vertritt 1,2 Millionen kinderreicher Familien in Deutschland und setzt sich in Politik, Wirtschaft und Medien für ihre Interessen ein. Der Verband versteht sich als Netzwerk von Mehrkindfamilien, die sich untereinander unterstützen und die Öffentlichkeit für ihre Anliegen erreichen wollen. Der Verband ist konfessionell ungebunden und überparteilich.

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