Interview mit Dr. Nina Paulic

Interview mit Dr. Nina Paulic

Alleinerziehend mit mehr als zwei Kindern: gibt es das überhaupt und wie bekommt man das hin? Tatsächlich gibt es in unserem Verband eine Vielzahl kinderreicher Alleinerziehender. Dr. Nina Paulic ist eine von ihnen und wenn man sich mit der sympathischen Mediatorin und Coach unterhält, bekommt man den Eindruck, dass sie es wunderbar hinbekommt. Selbstverständlich und einfach ist das durch die gesellschaftlichen und staatlichen Bedingungen nicht immer - umso wichtiger, dass Schwachstellen angegangen werden, um die Bedingungen für alle Familien zu verbessern!

Dr. Nina Paulic wohnt mit ihren drei Jungs in Bergisch Gladbach.

Nähere Infos zu ihrem Angebot http://www.hpk-consulting.de/profil-hpk-consulting/nina-paulic

Frau Dr. Paulic bietet ehrenamtlich für alleinerziehende Verbandsmitglieder ein kostenloses telefonisches Coaching an. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Dr. Nina Paulic
Dr. Nina Paulic ist alleinerziehende Mutter von drei Jungs

Sie coachen normalerweise Führungskräfte in Firmen, bieten aber auch ein Coaching für Frauen in Umbruchsituationen an, zu denen eben auch eine Trennung gehört. Wo stehen diese Frauen oft?

Dr. Nina Paulic: Nicht nur die Beziehung ist zu Ende, meistens brechen noch jede Menge anderer Dinge wie der Freundeskreis weg. Das kenne ich von fast allen Alleinerziehenden: auf bestimmte Feiern wird man einfach nicht mehr eingeladen und alte Netzwerke fallen weg. Oft kommt noch ein Umzug aus der gewohnten Umgebung dazu, weil das Haus oder die Wohnung auf einmal nicht mehr bezahlbar sind. Viele Frauen stehen nach einer Trennung erst mal komplett vor dem Nichts und haben gar nicht mehr die Kraft, alle Probleme, auch mit den Kindern, die eine schmerzhafte Trennung miterleben mussten, anzugehen. Besonders schlimm ist es oft für Frauen, die Vollzeitmütter waren und deren Kinder erwachsen werden. Ihnen fehlt dann auch noch die emotionale Aufgabe, sich um die Familie zu kümmern, während es für den Beruf manchmal schon zu spät ist.

Eigentlich habe ich fast Glück gehabt, dass mein Mann mich so früh verlassen hat, weil ich so eine Chance hatte, noch in den Job rein zu kommen.

Die neuen Unterhaltsgesetze muten gerade den Frauen eine Menge zu. Ich kenne auch Paare, allerdings meist mit nur zwei Kindern, bei denen die Frau jahrelang gerne zu Hause war, aber nach der Trennung vom Existenzminimum leben musste, während der Mann eine neue Familie gründet.

Dr. Nina Paulic: Ja, bei mir war es genauso, ich war 26, da habe ich angefangen zu promovieren, dann kam das erste, zweite und dritte Kind. Ich habe zwar nebenbei Fortbildungen gemacht, aber nie gearbeitet. Ich war mir sicher, dass meine Ehe ewig halten würde. Dann kamen die ersten Überlegungen, wieder zu arbeiten. Mein Mann meinte immer, na, ja komm, es muss ja nicht sein. In diesem Zusammenhang regt mich das Ehegattensplitting auf, zunächst profitieren beide, aber sobald der Mann geht, bekommt die Frau die Quittung für ihren Ausstieg. Das müsste man ganz anders gestalten. Der Freibetrag könnte etwa als Bonus gehandelt werden, der wirklich dem zusteht, der zu Hause bleibt – was ja meistens die Frau ist.

Ich verstehe sehr gut, wenn man Vollzeitmutter sein möchte. Ich glaube, jede berufstätige Frau wünscht sich manchmal, mehr Zeit für die Kinder oder bedauert, einiges eben nicht begleiten zu können. Aber ganz ehrlich, ich habe es so hart am eigenen Leib spüren müssen: das aktuelle Scheidungsrecht zwingt Mütter dazu, möglichst viel zu arbeiten. Es wäre also völlig unverantwortlich zu sagen, liebe Leute bleibt zu Hause. Entweder man schließt einen verdammt guten Ehevertrag, oder wir müssen das Scheidungsrecht ändern. Ich stand da mit einem Eineinhalbjährigen, einem Fünfjährigen und einem Achtjährigen und habe tausendfünfhundert Euro Unterhalt bekommen. Ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre es in vieler Hinsicht nicht gegangen.

Könnte man auch sagen, die neuen Unterhaltsgesetze haben langfristig etwas Gutes, weil Paare gewissermaßen gezwungen sind, sich Gedanken über die berufliche Zukunft von beiden zu machen? Oder wäre es besser, der Staat hielte sich komplett aus der wirtschaftlichen Organisation einer Familie heraus?

Dr. Nina Paulic: Jein. Staatlich sollte das begünstigt werden, was die Familien und auch die Alleinerziehenden stark macht!!! Wenn der Staat schon eine Linie fährt, dann muss er sie auch konsequent durchziehen. Er kann nicht das Unterhaltsrecht zu Ungunsten der Frauen ändern, aber am Ehegattensplitting festhalten und Alleinerziehende keine steuerlichen Vergünstigungen einräumen, Ein Kind lässt sich nicht so nebenbei mitfinanzieren – und 3, 4, oder 5 Kinder erst recht nicht! Da wird eine Sicherheit vorgegaukelt, die nicht da ist. 

Der Versuch mit dem Elterngeld für Väter war ganz gut, Väter mehr in die Kindererziehung einzubeziehen und Müttern die Chance zum Weiterarbeiten zu geben. Aber in den wenigsten Fällen ist dann wirklich der Vater in dieser Zeit für das Kind hauptverantwortlich. Alle Väter, die Elternzeit genommen haben, die ich kenne, sind in dieser Zeit mit Kind und Mutter durch die Welt gereist! Wenn der Staat schon Geld in die Gleichberechtigung steckt, dann sollte er schauen, dass die Idee auch umgesetzt wird. Schließlich investiert der Staat da rein, damit er im Notfall nicht finanziell einspringen muss. Er hat einfach nicht so viel Geld zu sagen, mach doch was du willst, und wenn eine Finanzlücke kommt, dann helfe ich dir. Im Gegenteil, bei einem Engpass heißt es eher, tja, dumm gelaufen. Was Richter den Frauen bei Scheidungsurteilen ins Gesicht sagen, ist manchmal unglaublich. Wenn eine Frau nach einer Trennung ohne Job dasteht, ist das oft schon schwierig, aber wenn sie noch drei oder fünf Kinder hat, hat sie ein Problem!

In diesem Zusammenhang ist es auch ungerecht, was sich wie steuerlich absetzen lässt. Während man als Firmenwagen sogar einen Porsche in voller Höhe absetzen kann, sind die Kosten für eine Kinderfrau nur bis zu 2/3 und max. bis zu 4000 Euro pro Jahr gedeckelt.  Und das auch nur für Kinder bis 14 Jahre! Zumal der Staat viel mehr von gut versorgten Kindern profitiert als von einem Porsche. Warum werden Windeln mit 19 % besteuert, der Playboy aber nur mit 7%? Warum protestiert da keiner? 

Die aktuelle Familienministerin Manuela Schwesig bricht ja eine Lanze für die Alleinerziehenden und ich glaube, letztendlich werden davon alle Familien profitieren.

Leider werden die Ambitionen von Müttern, ihren eigenen beruflichen Weg weiterzuverfolgen, auch heute noch immer wieder als Misstrauen in die Beziehung gewertet. Ist das gerechtfertigt?

Dr. Nina Paulic: Vielleicht ist die Eigenständigkeit gerade gut für die Beziehung. Durch die Bestätigung von außen, ist man oft entspannter und zufriedener, was auch der Ehe gut tut. Man lernt auch im positiven Sinne loszulassen. In dem Moment, in dem ich komplett für die Familienarbeit zuständig bin, fange ich auch viel eher an, den anderen zu kritisieren, wenn er es nicht nach meinen Vorstellungen macht. Wenn ich aber einen beruflichen Termin habe, ist der schmutzige Herd kein Weltuntergang, dann freue ich mich einfach, nicht alles selbst erledigen zu müssen. Auch für die Kinder ist es oft besser, wenn die Mutter nicht für alles verantwortlich ist. Jetzt wo die Oma bei uns für die Hausaufgaben zuständig ist, ist mein Verhältnis zu den Kindern zum Beispiel entspannter. Wichtig ist allerdings, dass alles schaffbar ist: Kinder, Haushalt, Job, Beziehung, Zeit für sich selbst. Hier das richtige Maß, eine gute Balance zu finden, halte ich für sehr wichtig und zugleich auch sehr schwierig.

Ich habe schon mal das Argument gehört, dass ja nur Frauen viele Kinder bekommen, die sich sehr sicher in der Beziehung fühlen, das stimmt einerseits. Andererseits wird in einer großen Familie auch die Belastung stärker. Die Situation mit vielen kleinen Kindern führt oft auch bei den Männern zu Unzufriedenheit und Rückzug. 

Auch wenn es keiner offen ausspricht, manche haben Angst, Frauen könnten auf die Idee kommen, ihr Leben wäre nach einer Trennung besser. Und es gibt vielleicht auch Frauen, die sich mit einer Trennung ins eigene Fleisch schneiden. Die sich trennen, weil der Mann zu wenig hilft, und sich nach der Trennung allen Ernstes wundern, dass er sie jetzt noch weniger unterstützt. Aber ganz ehrlich, die wenigsten trennen sich leichtfertig. Es geht ja auch nicht darum, dass der Staat dafür sorgt, dass Alleinerziehende besser als Verheiratete leben.

Ganz davon abgesehen, kann einen nicht nur eine Trennung dazu zwingen, plötzlich Geld verdienen zu müssen. Der Partner kann ja auch krank oder arbeitslos werden. Die Rolle des Alleinverdieners lastet gerade bei einer großen Familie schließlich auch oft schwer auf den Männern. Viele Väter würden sich freuen, wenn sie mehr Zeit mit der Familie verbringen könnten. Wenn ich als Frau keine Möglichkeit habe, zum Familieneinkommen beizusteuern, hat der Partner überhaupt nicht die Möglichkeit, Stunden zu reduzieren, um mehr für die Kinder da zu sein.

Dr. Nina Paulic: Eben, am schönsten wäre ja, beide würden beides machen. Wir erziehen unsere Töchter ja auch nicht mehr dazu, dass sie zu Hause sauber machen müssen, während ihre Brüder auf die Pirsch gehen. Ich habe früher selbst immer gesagt, wie wichtig mir das ist, dass einer zu Hause bleibt, sich um die Familie und Kontakte kümmert, ich glaube, das alles ist auch sehr wichtig, aber das Berufsleben eben auch.

Auch unter unseren Verbandsmitgliedern sind Alleinerziehende keine Seltenheit. Wie können diese Mitglieder noch mehr unterstützt werden?

Dr. Nina Paulic: Wir sollten diese Zielgruppe noch stärker ansprechen und ihnen bewusst machen, dass sie im Verband genauso willkommen sind, wie alle anderen Familien. Gerade Alleinerziehende brauchen unsere Bestätigung und Unterstützung. Während Paare normalerweise ja schon jemanden zum Austausch im Bezug auf die Kinder haben, fehlt das Alleinerziehenden oft. Für sie sind der Austausch und die Vernetzung noch wichtiger. 

Es gibt nun mal die, die „gescheitert“ sind, die nicht (mehr) in der „heilen“, klassischen Familie leben und gerade die brauchen Hilfe und Unterstützung vom Verband oder auch der Kirche. Da hilft es unheimlich, wenn man sich eben nicht ausgeschlossen fühlt.

Und wie unterstützen Sie Frauen bei einem persönlichen Coaching?

Dr. Nina Paulic: Normalerweise coache ich ja im Businessbereich und schaue vor allem, was motiviert jemanden von innen. Das lässt sich auch auf die Situation nach einer Trennung übertragen. Man kann sich fragen: Was habe ich in der Beziehung gar nicht (mehr) gelebt, was mir wichtig ist? Wie kann ich das jetzt (wieder) leben? Es geht nicht darum, sich die Trennung schön zu reden, sondern das Beste aus der Situation zu machen und eben auch das Augenmerk auf die neuen Chancen zu legen. Wenn ich in einen Job muss, dann wäre es schön, wenn der Job mir auch Spaß macht. Oft setzt der Zwang, auf einmal Geld verdienen zu müssen, aber auch ganz viel Mut und Energie frei. Man kann es sich auf einmal nicht mehr leisten, vor Herausforderungen zurückzuschrecken.

Manchmal braucht man in einer Umbruchphase einen Therapeuten, oft reicht ein Coaching. Jemand, der nicht emotional verwickelt ist, wie Freunde oder Familie. Jemand, der einem vielleicht auch ganz neutral zeigt, dass nicht nur der Partner alles schuld war, kann sehr hilfreich sein. Das Problem ist natürlich, dass gerade nach einer Trennung das Geld für professionelle Unterstützung oft fehlt.

Eigentlich wäre es ja viel besser, öfter im Leben mal innezuhalten und sich beraten zu lassen, wo der weitere (berufliche) Weg hingehen soll, statt zu warten, bis nur noch Schadensbegrenzung ansteht. Was gibt man nicht alles an Geld und Förderung für die Kinder aus, aber sich selbst gesteht man als Mutter oft als letztes etwas zu.

Dr. Nina Paulic: In jedem Fall. So ein Coachingmodell bietet sich auch für Paare an. Was ist dem einzelnen Partner wichtig? Allein zu erkennen, was mir wirklich wichtig ist und was meinem Partner wirklich wichtig ist, hilft oft schon, größere Krisen zu vermeiden oder zu überwinden. Wenn ich den anderen und seine Bedürfnisse verstehe, nehme ich nicht alles so persönlich. Wenn ich etwa weiß, mein Partner ist eher kontaktscheu, bin ich zwar noch traurig, allein auf die eine oder andere Party gehen zu müssen, kann meinen Partner aber verstehen und nehme sein Verhalten deutlich weniger persönlich. Coaching als Prävention sozusagen.

Und würden sie trotz aller Schwierigkeiten und Unsicherheiten jungen Frauen raten, viele Kinder zu bekommen?

Dr. Nina Paulic: Ich würde jede Frau ermuntern, die sich viele Kinder wünscht, allerdings mit dem Hinweis, an einem Plan B zu arbeiten, es im Notfall auch alleine hinbekommen zu können. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr dringend raten, mindestens einen Fuß in der (beruflichen) Tür zu halten. Mit mehreren Kindern ist das sicherlich schwer, diesen Fuß in der Tür zu halten. Aber mit mehreren Kindern ist es auch schwerer als mit einem, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Außerdem ist der eigene Beruf ja auch etwas, was einem eine zusätzliche Erfüllung geben kann. 

Für mich waren die drei Kinder nach der Trennung eine ganz große Stütze. Der Traum von der heilen, großen Familie hat nicht funktioniert, aber den Traum von der großen Familie mit drei Kindern, den lebe ich! Gerade auch in so einer Krisensituation wie einer Trennung, fängt Familie einen auf, die Großfamilie und die eigene Familie. Es war für mich in dieser Zeit sehr schön zu sehen, wie die Großen den Kleinen aufgefangen und unterstützt haben. Umgekehrt hat der süße Kleine den großen viel Familiensinn gegeben.

Herzlichen Dank für das Interview, Frau Paulic!

Das Interview führte Daniela Nagel.

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Der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. ist im Jahr 2011 aus der Initiative engagierter kinderreicher Familien entstanden, vertritt 1,2 Millionen kinderreicher Familien in Deutschland und setzt sich in Politik, Wirtschaft und Medien für ihre Interessen ein. Der Verband versteht sich als Netzwerk von Mehrkindfamilien, die sich untereinander unterstützen und die Öffentlichkeit für ihre Anliegen erreichen wollen. Der Verband ist konfessionell ungebunden und überparteilich.

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