Interview mit Peter Hadasch

Die Familie hat eine erdende Wirkung

Im Gespräch mit Peter Hadasch, Vorstand Personal der Nestlé Deutschland AG

Peter Hadasch, Personalleiter und Mitglied des Vorstands der Nestlé Deutschland AG

In diesem Jahr hat der KRFD die Nestlé Deutschland AG als besonders familienfreundlichen Arbeitgeber mit dem Fair-Family-Preis 2016 ausgezeichnet. In unserem ausführlichen Interview mit Peter Hadasch, Personalchef des Unternehmens,  erfahren wir viel über die fortschrittlichen Methoden, mit denen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei der Nestlé Deutschland AG umgesetzt wird. Wie sehen sinnvolle Wiedereinstiegshilfen aus? Welche besonderen Fähigkeiten bringen Eltern mit? Wie kann die berufliche Weiterentwicklung kinderreicher Eltern ausgestaltet werden? Antworten auf diese und weitere Fragen lesen Sie hier.

KRFD: Wie stellen Sie sich auf die besondere Situation von Familien ein? 

Peter Hadasch: Vor irgendwelchen Maßnahmen steht die Haltung des Unternehmens zur Familie. Mitarbeiter haben ein natürliches Lebensumfeld und darauf muss sich der Arbeitgeber einstellen. Mitarbeiter sorgen täglich für Mahlzeiten, bewältigen lange Wege zur Arbeit und sind gelegentlich krank. Die Familie ist das natürliche und wichtige Umfeld jeden Mitarbeiters. Sie ist keine Gehässigkeit gegenüber dem Arbeitgeber. 

KRFD: Welche Erfahrungen haben Sie mit den "Wiedereinstiegshilfen" für Mütter und Väter gemacht?

Peter Hadasch: Gute Erfahrungen machen wir, wenn Mütter oder Väter sie kooperativ nutzen. Wiedereinstiegshilfen sollen zweierlei bewirken: Einerseits sollen sie dem Mitarbeiter mehr Sicherheit geben und auf der anderen Seite sollen diese Maßnahmen den Wert des Mitarbeiters für das Unternehmen erhalten. Beide Seiten müssen zeigen, dass ihnen etwas am anderen liegt. Dem Mitarbeiter an seinem Unternehmen und das Unternehmen an seinem qualifizierten Mitarbeiter. Einseitige Forderungen bringen nichts.

KRFD: Welche Fähigkeiten bringen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen mit, die Eltern sind?

Peter Hadasch: Pauschal lassen sich solche Aussagen nicht treffen und eine mechanische Zuteilung von Fähigkeiten wird keinem Menschen gerecht. Dennoch lassen sich generelle Muster erkennen. Insbesondere bei zunehmender Führungsverantwortung stellen wir fest, dass sich die Verankerung in einer Familie positiv, man könnte auch sagen erdend, auswirkt.

Führungskräfte mit mehreren Kindern lernen, hinterfragt zu werden. Das Familienleben entreißt jedem Mitglied die Maske des beruflichen Status. Jeder muss sein Tun erklären und Zustimmung erringen – da helfen weder Anzug noch der Verweis auf Termine.  Bei Kindern muss man verständlich und anschaulich sprechen, wenn man verstanden werden möchte. Mit Zahlen, Daten und Fakten überzeugen sie keinen Fünfjährigen, seinen Kakao zu trinken oder mal eine Möhre zu essen. Mütter und Väter von vielen Kindern er-leben Vielfalt  in ihrem Wohnzimmer. Je mehr Kinder, je mehr Unterschiede. Wenn Eltern alle Kinder gleich behandeln,  erleben sie dennoch verschiedene Resultate. Eltern müssen ihre Kinder führen und sie nicht brechen, wenn sie stabile Erwachsene aus ihnen machen wollen. Zugleich lernen Eltern, dass sie auch bei bester Vorbereitung und maximalem Einsatz nicht alles in ihrem Sinne steuern können. Sie erleben sich abhängig von Bedürfnissen der Kinder und des Partners. Es ist für sie normal, ihre Bedürfnisse in diesem Netzwerk umzusetzen. Die Familie ist für uns alle die ursprünglichste Quelle von Anerkennung und Wertschätzung. Menschen, die allein von ihrem Beruf Anerkennung erwarten müssen, agieren weniger frei und können die Fähigkeit für Emotion und Mitgefühl verlieren. 

KRFD: Gab es einen Schlüsselmoment für Nestle, von dem an das Unternehmen über eine familienfreundliche Politik konkret nachgedacht hat?

Peter Hadasch: In einem Unternehmen mit 150 Jahren Tradition lässt sich ein Schlüsselmoment nicht isolieren.  Ich denke, was uns auszeichnet, ist nicht eine spontane Erkenntnis, sondern die Kraft, diesen Wert über einen sehr langen Zeitraum nicht zu verlieren, kurzfristigen Moden oder Bedürfnissen zu opfern. Das Unternehmen begann mit Säuglingsnahrung, entwickelte Milch und Schokoladeprodukte und hatte von Beginn an Mütter und Kinder im Fokus seines Schaffens. Als schweizerisch geprägtes Unternehmen haben wir ein besonderes Verhältnis zu Familie und Gemeinde, weil sie bei uns die entscheidenden Faktoren des Heranwachsens und der Verwurzelung der Menschen sind.

KRFD: Welche "Instrumente" werden am besten angenommen/haben sich besonders bewährt?

Peter Hadasch: Das sicherlich wirkungsvollste Instrument ist die Teilzeitarbeit im Anschluss an die Elternzeit und in vielen Bereichen auch die Möglichkeit der Home-Office Tätigkeit.  Arbeitszeit wird in Zukunft flexibler auf die jeweiligen Lebensbedürfnisse eingerichtet sein. Kinder- oder Elternbetreuung, Aus- und Weiterbildung müssen ebenso die Arbeitszeiten beeinflussen können, wie Lebensphasen in denen man voran kommen will und mehr Zeit in Arbeit investieren kann. Ein Industrieunternehmen wie unseres ist zu 80% von Linienproduktion und Schichtarbeit geprägt. Home-Office kommt für die wenigsten Beschäftigten in Frage. Wir bieten deshalb zunehmend Kinderbetreuungshilfen und Familienservices an, die von professionellen Anbietern übernommen  werden und  Familien in schwierigen Alltagssituationen unterstützen. Das reicht von psychologischer Beratung in Krisen bis zur Unterstützung beim KiTa-Streik. Für unsere Mitarbeiter in Frankfurt mit ihren oft langen Anfahrtswegen und vielen Verkehrshindernissen bieten wir eine hochmoderne und gut ausgestattete Kita mit 50 Plätzen an. Das hat sich exzellent für Rückkehrer aus der Elternzeit bewährt, hilft aber auch Mitarbeitern, die beruflich mobil sein müssen und deswegen häufig kein gewachsenes persönliches Betreuungsnetzwerk haben.

Allerdings entfalten diese Mittel nur dann ihre Möglichkeiten, wenn wir während der Elternzeit in Kontakt bleiben. Unser Unternehmen entwickelt sich permanent organisatorisch weiter. Eltern müssen nachvollziehen können, was sich verändert. Wer „dranbleibt“, der kann flexibler die Rückkehr gestalten und sich eröffnende Chancen besser nutzen.

Als Unternehmen müssen wir begreifen, dass Elternzeitler nicht aus der persönlichen Verantwortung einer zuständigen Führungskraft rausfallen. Eine vorausschauende Personalpolitik muss sie  „auf dem Schirm“ behalten. Im Idealfall gibt es für jeden Elternzeitler einen Rückkehrplan und  Rückkehrzeitpunkt. Bereits während der Schwangerschaft definieren wir Patenschaften für die Zeit der Elternzeit um auf diese Weise einen kontinuierlichen Kontakt sicher zu stellen.

Wir setzen auch deutliche Zeichen, daß wir mit einer Rückkehr rechnen und diese unterstützen. Unser betriebliches Versorgungssystem ermöglicht die Beitragsnachentrichtung für Eltern nach Rückkehr aus der Elternzeit. Wählen Eltern die Beitragsnachentrichtung, dann zahlt auch der Arbeitgeber die Beiträge für die Fehlzeiten nach. Damit vermeiden wir und natürlich auch die Mitarbeiter erhebliche Beitragslücken, die in der Praxis zu dem bekannten Problem führen, dass gerade Mütter mit mehreren Kindern auf ein sehr niedriges Rentenniveau fallen.

KRFD: Entwickeln Sie noch weitere innovative Ideen für Familien?

Peter Hadasch: Für mich stellt sich die Frage, was zukünftig familienfreundlich ist, insbesondere bezogen auf die Familie von Morgen? Familien und Familienbilder wandeln sich – an dieser Realität kommen wir nicht vorbei.   

Aus leiblichen Verbindungen werden gewollte Verbindungen. Gegenwärtig denken wir Familie als  Gemeinschaft von Vater-Mutter-Kind. Noch vor drei Generationen war die Familie ein „Drei Generationen Projekt“. Wir erleben derzeit in gewisser Weise eine Rückkehr dieses Modells, weil immer mehr Mitarbeiter ihre alten Eltern pflegen. De facto stellt uns diese Entwicklung als Unternehmen vor größere Herausforderungen als die Bereitstellung von Kita-Plätzen. Dieses Beispiel zeigt, dass wir lernen müssen, dass sich unternehmerische Familienunterstützung nicht darauf beschränken kann, die Mutter auf dem Weg von der Geburt zur Kita zu unterstützen.

Auch Arbeitnehmer, die ihre Eltern pflegen, erbringen eine Leistung für ihre Familie. Sie zeigen Verantwortungsbewusstsein, Herz und Engagement. Dieser Einsatz wird heute vornehmlich von Frauen geleistet, die in der Regel über 50 Jahre alt sind.  Werte, die uns am Arbeitsplatz von großer Bedeutung sind. Die Erfahrung über Jahre eine Familie „gemanagt“ zu haben, ist durch berufliche Praxis kaum zu ersetzen. Sozialkompetenz, Durchsetzungsvermögen, Organisationstalent und Geduld sind eher gewachsen. Allerdings wird die Rückkehr aus der sog. „Familienphase“ durch viele Vorurteile erschwert. Frauen über 50 stehen uns in der Regel mehr als ein Jahrzehnt zur Verfügung, haben realistische Entwicklungsperspektiven und zeigen sehr viel Loyalität. Ausbildungs- oder Einarbeitungsinvestments sind hier sicher nicht weniger sinnvoll als bei 25-Jährigen mit hoher Neigung , Karrieren durch häufige Berufswechsel zu unterstützen.

Ein Hemmnis für kinderreiche Familien ist häufig die berufliche Weiterentwicklung der Eltern. Wir bieten attraktive Teilzeitarbeit, erleben aber eine gewisse Angst vor dem teilzeitbedingten Karrierestopp. Häufig stehen Eltern vor der Frage, dass nur ein Elternteil Teilzeitarbeit machen kann um die Karriere des Anderen zu retten. Dies ist nicht familienfreundlich. Wir sind froh und stolz, daß es uns gelungen ist Beispiele zeigen zu können, in welchen sich zwei Mütter eine echte Führungsposition  seit geraumer Zeit im Verhältnis 60/40 teilen und dabei große Akzeptanz von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten erfahren. Wir müssen auch Männer ermutigen, Teilzeitarbeit in Führungspositionen zu übernehmen, um damit ihrer Partnerin die berufliche Weiterentwicklung zu ermöglichen. Auch hierfür werden bei uns Beispiele gelebt, die unseren Mitarbeiter Mut zu eigenen Gestaltungen machen.

Kurzum: Als Unternehmer und Arbeitgeber sind wir direkt betroffen von allen Veränderungen rund um das Thema Familie. 

KRFD: Stellen Sie fest, dass Bewerber die Unternehmen auch nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie befragen und wird dieses Kriterium zukünftig wichtiger werden?

Peter Hadasch: Ja, das stellen wir fest. Wir stellen aber auch fest, dass wir selber unser „Image“ über Eigenwerbung weniger steuern können. Viele Bewerber sind bereits vor dem ersten Kontakt sehr gut informiert und kennen aus den Social Media die Erfahrungen anderer Mitarbeiter. In Zukunft wird für uns wichtig bleiben und noch mehr werden: Weniger Programme entwickeln, das Machbare erkennen und es konsequent leben.

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ÜBER DEN KRFD

Der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. ist im Jahr 2011 aus der Initiative engagierter kinderreicher Familien entstanden, vertritt 1,2 Millionen kinderreicher Familien in Deutschland und setzt sich in Politik, Wirtschaft und Medien für ihre Interessen ein. Der Verband versteht sich als Netzwerk von Mehrkindfamilien, die sich untereinander unterstützen und die Öffentlichkeit für ihre Anliegen erreichen wollen. Der Verband ist konfessionell ungebunden und überparteilich.

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