„Ob ich an Einsamkeit sterbe oder an Corona, ist doch egal“

„Ob ich an Einsamkeit sterbe oder an Corona, ist doch egal“

[Lesestück 15 min]

Der Verband kinderreicher Familien Deutschland hat bei einigen Mitgliedern nachgefragt: Wie erging es eigentlich den Großeltern von kinderreichen Familien in den letzten „Corona“-Jahren? Die Stimmen zeigen ein differenziertes Bild: Überwiegend gut. Als noch keine Impfung zur Verfügung stand, wurde sich familiär oft nur im Freien getroffen; mit verfügbarem Impfschutz wurde die Kinderbetreuung in vielen Fällen in den letzten Monaten wieder aufgenommen. Verallgemeinerungen sind jedoch nicht möglich, weil es auch die vielen „Grautöne“ zwischen „gut“ und „schlecht“ gibt, die ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sind und von vielen persönlichen Faktoren abhängen, vor allen Dingen aber: Der Großteil hatte weiterhin regelmäßig physischen Kontakt zu den Enkelkindern.

„Wie soll das nur gehen?“

Erinnern Sie sich noch, als wochenlang absolutes Kontakt- und Besuchsverbot für Senioren- und Pflegeheime galt?
- Die Zwölfjährige stellt fest: „Wir haben unsere Großeltern vier Monate nicht besuchen können und dann erst nach vorheriger Anmeldung und Testung, hinter Plexiglasscheiben, in Schutzanzügen und mit nachheriger gründlicher Desinfektion von allem und jeden.“

Erinnern Sie sich noch, als laut Corona-Schutzverordnung ein Ansammlungsverbot erlassen wurde; die Osterferien als „erweiterte Ruhezeit“ zu verstehen, Mehl und Hefe ausverkauft und Supermärkte nur teilweise am Karsamstag öffnen durften?
- „Dann gibt es dieses Jahr eben keinen frisch gebackenen Osterzopf“, nahm es die Mutter mit Fassung.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, in der private Zusammenkünfte mit nur zwei Hausständen und teils maximal zwei Personen erlaubt waren?
- „Das geht ja gar nicht, wenn die Omas und Opas auch kommen wollen“, sagt der Sechsjährige und zählt seine zwei jüngeren und drei älteren Geschwister, die schon in Ausbildung und Studium sind und nicht mehr zu Hause wohnen, auf.

„Das geht ja nicht, das gibt’s ja nicht! Oder wie soll das denn gehen?“
– Haben Sie das in den letzten Monaten auch so oft gehört oder gedacht? Nun, im Rückblick kann man sagen: Vieles ging doch irgendwie; manches gestaltete sich mehr schlecht als recht; oft brauchte es gewisse Prisen an Pragmatismus, Humor und neuen, gar unkonventionellen Ideen; und einiges blieb – leider – auch auf der Strecke oder verschlechterte sich. Bei manchen Familien wurde es immer lauter und hektischer; bei anderen nahmen Einsamkeit und Stille die Lust und Freude am Leben. Pauschalisierungen sind nicht möglich und werden den persönlichen Erfahrungen nicht gerecht.

Die Covid-19-Pandemie hat die Lebenssituation für viele Menschen über viele Monate erheblich verändert. Junge Erwachsene sind genauso betroffen wie ältere Menschen; Alleinstehende genauso wie Familien. Die Frage stellt sich nun eher nach dem Ausmaß der Betroffenheit eines jeden einzelnen. In den letzten Monaten standen die Familien, insbesondere die Kinder und Jugendlichen in Bezug auf Test-, Impf- und Maskenpflicht, Quarantäne-Regelungen, Online-, Hybrid- und Distanzunterricht sowie Absonderungszeiten verstärkt im Fokus der medialen Berichterstattung. Um die älteren Menschen war es vergleichsweise ruhiger geworden. Und nicht zu vergessen: Kontaktbeschränkungen für Menschen mit eigener Familie fühlen sich anders an als Kontaktbeschränkungen für Menschen ohne Familie.

Stille Woche als Anlass für den Blick auf die ältere Generation, denn still ist nicht gleich still

Dieser Tage beginnt die „Karwoche“. Sie wird oft als „Passionswoche“, „Große Woche“, „Trauerwoche“, „Heilige Woche“ oder „Stille Woche“ beschrieben. Aus kirchengeschichtlicher Sicht liegt in dieser „Stillen Woche“ vor Ostern Leben und Tod, Jubel und Trauer sehr nah beieinander. Auch im Ramadan, dem Fastenmonat der Muslime, der in Deutschland dieses Jahr von Anfang April bis Anfang Mai andauert, dreht sich vieles um die Zeit der Stille, der Besinnung und des bewussten Verzichts. Meditieren, zur Ruhe kommen und sich selbst zu reflektieren; sich Gedanken über sein eigenes Leben und Verhalten machen; still zu sein, nachzudenken, zuzuhören…

Wir nehmen das zum Anlass und haben bei einigen älteren Menschen im Verband nachgefragt: Wie erging es euch in den letzten „Corona“-Jahren? Die Personen sind willkürlich ausgewählt. Manche sind selbst kinderreich, das heißt, dass sie mehr als drei Kinder großgezogen haben (sonst wären sie nicht im Verband) und haben mittlerweile selbst Enkelkinder. Manche älteren Personen unterstützen als Patinnen und Paten unser „EMpower“-Patenschaftsprojekt in Nordrhein-Westfalen. (https://www.kinderreichefamilien.de/patenprojekt-empower.html) Das heißt, dass sie eine Art „Pflege- bzw. Ersatzgroßeltern“ für kinderreiche Familien sind und diese in ihrem Alltag unterstützen. Auch die Koordinatorin des Programms, Sylvia Krebs, die zusätzlich als Alltagsbegleiterin arbeitet und beruflich viel mit der älteren Generation in Kontakt ist, kommt zu Wort. Diese O-Töne finden Sie am Ende des Artikels.

Was versteht man unter enkelkinderreichen Großeltern?

Im Zuge der Recherche tauchte die Frage auf, ob – wenn man von „kinderreichen Familien“ spricht – auch von „enkelkinderreichen Großeltern“ sprechen könnte. Ist das eindeutig? Was versteht man darunter? Beginnen wir mit „kinderreichen Großeltern“. Darunter versteht man ältere Menschen, die als Eltern kinderreich waren, und nun in den Status „Großeltern“ gekommen sind. Gilt dann auch die Definition „wenn drei Kinder und mehr im Haushalt leben“? Ist man ab drei Enkelkindern „enkelkinderreich“? Dass Kinder bei Oma und Opa im Haushalt leben, ist nicht ausgeschlossen, aber vergleichsweise sehr selten. Sollte man die Zahl drei lieber für die Enkelkinder pro eigenem Kind zählen? Da wäre man dann ab neun Enkelkindern und mehr „enkelkinderreich“. Meine Kollegin sagte schließlich: „Ich habe momentan ein Enkelkind und ich fühle mich schon jetzt unglaublich reich beschenkt.“ Ihr Satz ließ uns beide zustimmend, aber still zurück.

Das Wort „Stille“ entstammt dem Althochdeutschen „stilli“, was so viel heißt wie „ohne Bewegung, ruhig, ohne Geräusch“. Manche Menschen verstehen darunter die Abwesenheit jeglicher Geräusche (kein Straßenlärm, aber auch kein Vogelzwitschern oder das Plätschern eines Baches). Für hörgeschädigte und gehörlose Menschen ist es still, lautlos. Babys „stillt“ man, damit sie sich beruhigen. Stille kann auch Bewegungslosigkeit bedeuten (kein Rascheln von Blättern, kein Windzug, der weht). In einer Steigerung von Stille spricht man umgangsprachlich auch von „Totenstille“.

Der Zusammenhang von Stille und Einsamkeit | die DEAS Studie 2021

Jeder Mensch nimmt unter „Stille“ etwas anders wahr: Stille kann gewünscht und unerwünscht sein. Allzu oft geht sie auch mit Einsamkeit einher. Jeder Mensch braucht Menschen um sich herum, bei denen er sich dazugehörig fühlt. Das kann schwieriger werden, je älter man wird. Einsamkeit ist gerade in Pandemie-Zeiten zu einem Thema geworden, auch mit Blick auf Depressionen und suizidale Gedanken.

Je länger die Pandemie dauerte, desto klarer wurde, dass die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf von COVID-19 gerade bei sogenannten Risikogruppen höher liegt. Insbesondere ältere Menschen können, bedingt durch das weniger gut reagierende Immunsystem, nach einer Infektion schwer erkranken. Sie und ihre Angehörigen mussten daher zu Beginn der Pandemie, als noch kein COVID-19-Impfstoff zur Verfügung stand, starke Einschränkungen in Kauf nehmen und soziale Kontakte auf ein absolutes Minimum reduzieren.

Im Auftrag des Bundesseniorenministeriums befragte das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) im Rahmen des Deutschen Alterssurveys (DEAS) im Juni und Juli 2020 Personen zwischen 46 und 90 Jahren, die zu Hause leben. Das Ergebnis war zu erwarten: Das Einsamkeitsempfinden war deutlich höher als in den Befragungsjahren 2014 und 2017. 9 Prozent der Menschen zwischen 40 und 85 Jahren sind von Einsamkeit betroffen. (vgl. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/173820/666c7db8a6a5f4f9211f4e55fd12df3f/einsamkeit-deutscher-alterssurvey-dzi-data.pdf).

„Im Sommer 2020 lag der Anteil sehr einsamer Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren bei knapp 14 Prozent und damit 1,5-mal höher als in den Vorjahren. Dabei gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Frauen und Männern, Menschen mit hoher oder niedriger Bildung oder zwischen mittlerem und hohem Alter – in der Pandemie sind die Einsamkeitsraten in allen diesen Gruppen in gleichem Maße erhöht. Eine häufige Annahme hat sich nicht bestätigt: Ältere Menschen haben das gleiche Risiko, einsam zu sein, wie jüngere Menschen“, heißt es in der Studie.

„Corona“ führte zur kompletten Umstellung des Soziallebens

Je mehr man über das Virus erforschte, desto besser konnte man sein eigenes Verhalten anpassen. Dennoch blieben die Auswirkungen auf das Sozialleben und somit auch auf die Kontakte zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern bestehen. Wie sollte man sich als Familie in diesen Zeiten verhalten? Sollte man auf den Besuch verzichten? Und was sollten kinderreiche Familien machen, wenn es hieß, dass ein Treffen auf max. fünf Personen aus zwei Hausständen beschränkt ist?

Großeltern haben oft ein besonderes Verhältnis zu ihren Enkelkindern und fühlen sich durch sie geliebt und gebraucht. Oft mussten Treffen aber vermieden werden, weil ältere Menschen zur am stärksten durch das Virus gefährdeten Gruppe gehören. Dabei gab es oft genug Phasen, in denen die Hilfe von Großeltern besonders wichtig gewesen wäre, nämlich dann, als die Betreuung von Schul- und Kindergartenkindern von jetzt auf gleich aus unterschiedlichen Gründen wegbrach. Als externe Betreuungskräfte nicht mehr in die Familien einbezogen werden sollten, wenn kein verwandtschaftliches Verhältnis bestand. Nicht wenige Minijobs von jungen Auszubildenden und Studierenden, die sich darüber finanziert haben, sind weggebrochen.

Unterschiedliche Pandemie-Regelungen zwischen den Bundesländern

Die Regelungen unterschieden sich zwischen den Bundesländern. In Berlin durfte sich zeitweise eine Person eines Hausstandes mit einer Person eines anderen Hausstands treffen. Das bedeutet also, dass die Großeltern maximal ein Enkelkind betreuen durften. In Brandenburg besagte die Verordnung, dass, wenn ohnehin schon enge soziale Kontakte zwischen Kind und der Oma bzw. Opa bestünden, eine Betreuung durch die Großeltern möglich sei. Wenn jedoch dadurch neue Kontakte entstünden, soll keine Betreuung erfolgen.

Es gab Phasen, da wurde Großeltern, die zu einer Risikogruppe gehören, empfohlen, den Kontakt zu ihren Enkelkindern nicht mehr in der Wohnung, sondern nur noch im Freien zu suchen. So manche Familien haben sich auf Terrassen, in Datschen und Gärten, in Parks und Wäldern verabredet, um Abstandsregeln einzuhalten und – als noch kein Impfstoff zur Verfügung stand, sich und die anderen bestmöglich zu schützen. Für die körperlich Fitten und Bewegunsgfreudigen erfreute sich das Wandern und Spazierengehen eines Revivals und führte auch zu größerer Beliebtheit bei den Jüngeren.

Sechs Möglichkeiten des Sich-Sehens zu Lockdown-Zeiten und darüber hinaus

Für viele Großeltern sind die Enkelkinder fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Welche Möglichkeiten des Sich-Sehens bestand zu Lockdown-Zeiten und darüber hinaus? Wir listen sechs verschiedene Kategorien auf:

  1. Großeltern wohnen geografisch zu weit von den Enkelkindern entfernt und sind kein Bestandteil des alltäglichen Lebens

  2. Großeltern übernehmen regelmäßig die wöchentliche Enkelbetreuung

  3. Großeltern übernehmen punktuell nach Absprache die Betreuung

  4. Großeltern und Enkel leben im gleichen Haus

  5. Großeltern und Enkel verzichten gegenseitig freiwillig auf ein Treffen mit Enkelkindern aus Schutz und Sorge → Wiedersehen im digitalen Raum; Rückgriff auf „klassische“ Kommunikationswege per Post (hübsch gestaltete Briefe) und Telefon

  6. Großeltern treffen sich vorübergehend nur im Freien mit den Enkelkindern

Für manche ist ein Nichtsehenkönnen furchtbar; andere kommen wiederum besser damit klar. Manche Väter und Mütter wollten den Kontakt präventiv aussetzen, um die eigenen Eltern zu schützen. Manche Familien trafen sich nur noch draußen. Manche Großeltern holten die Kinder nur mit Mundschutz an der Kita-Tür ab und übergaben sie wieder an der elterlichen Tür. Manche Großeltern kümmerten sich auch während Quarantäne-Phasen und Krankheitsphasen um die ganze Familie, denn kinderreiche Familien wurden bei den Corona-Schutzverordnungen nicht mitgedacht und saßen teilweise wochenlang in Isolation. Manch einen betraf es nicht, weil die Enkel nicht in der Nähe wohnen. Nicht überall war es möglich, den Kontakt zu vermeiden. Sei es, weil die Familien im selben Haus wohnen, sei es, weil man auf die Unterstützung der Großeltern angewiesen ist – vorrangig aus beruflichen Gründen in Fällen von Schicht- und Wochenendarbeit. Diese Familien haben dann häufig beschlossen, weitgehend unter sich zu bleiben und sich mit anderen sozialen Kontakten einzuschränken.

Eine freiwillige Einschränkung gab (und gibt) es oftmals auch in den Familien, in denen Familienangehörige mit Vorerkrankungen bzw. schweren Krankheiten leben. Die Sorge und Verunsicherung vor einer Infektion der Liebsten lastet schwer – immer noch. Nicht selten wurden die Kinder präventiv aus Kindergarten und Schule genommen, um die Gefahr einer mögliche Ansteckung zu minimieren.

 

„Großeltern leisten auch in der Pandemie einen beachtlichen Beitrag zur Kinderbetreuung“

Mittlerweile liegen Zahlen vor, die auch wir bestätigen können: „Während der Pandemie blieb die Enkelkinderbetreuung weitgehend stabil. Vorerkrankungen der Großeltern beeinflussten weniger die Betreuung der Enkelkinder, wie auch Mareike Bünning, die Erstautorin der DEAZ-Studie, feststellte (vgl. Bünning, M., Ehrlich, U., Behagel, F. & Huxhold, O. (2021). Enkelbetreuung während der Corona-Pandemie). Während 39 Prozent der Großeltern 2017 ihre Enkelkinder regelmäßig betreuten, waren es 34 Prozent im Winter 2020/21. Dieses Ergebnis schien für manche Expertenrunden überraschend zu sein.

Stabil geblieben sei auch der zeitliche Umfang, den Großeltern in die Enkelbetreuung steckten. Er betrug im Winter 2020/21 rund neun Stunden pro Woche. „Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet handelt es sich um fast zwei Milliarden Stunden im Jahr 2020. Legt man für jede geleistete Betreuungsstunde den aktuellen Mindestlohn von 9,35 Euro zugrunde, lässt sich ein wirtschaftlicher Wert von rund 16 bis 18 Mrd. Euro schätzen. Das entspricht etwa 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von 2020“, berechneten die Autorinnen und Autoren der Studie. Die Zahlen zeigen, dass ältere Menschen nicht nur eine schutzbedürftige Risikogruppe sind, sondern auch einen aktiven Beitrag zur Krisenbewältigung leisten (vgl. Bünning et. al 2021)

Wir stellten oft fest: „Lieber ein Leben mit Risiko als gar nicht zu leben“

Unsere Umfrage erhebt keineswegs einen wissenschaftlichen Anspruch. Sie ist nicht repräsentativ. Vielmehr lag der Fokus in den letzten Wochen darauf – wann immer sich die Möglichkeit ergab – mit Großeltern oder Großeltern-Paten von kinderreichen Familien in Kontakt zu kommen, hinzuhören; genauer nachzufragen – überhaupt zuzuhören. Nun sollte man dazu sagen, dass die Großeltern der kinderreichen Familien und des Patenprojekts „EMpower“ rüstige Seniorinnen und Senioren sind, für sich selbst sorgen und nicht pflegebedürftig sind.

Uns sind so einige ältere Menschen begegnet, die die Ansicht vertreten „lieber ein Leben mit Risiko als gar nicht zu leben“. Die Menschen, die bis auf ihr Alter kein erhöhtes Risiko für eine Corona-Infektion aufweisen, äußerten sehr deutlich, dass sie für ein potenzielles Risiko nicht auf das verzichten möchten, was ihnen am wichtigsten und liebsten ist. In den Gesprächen wurde deutlich, dass es die Zeit mit den Kindern ist („Sie sind nur einmal klein.“); dass Zusehen beim Aufwachsen. Die Bindung zu Familien ist das, was das Alter für diese Leute sehr bereichert. Ggf. Monate oder Jahre zu verzichten und dann ggf. an etwas anderem zu erkranken bzw. zu sterben und nicht davor nicht die Zeit selbstbestimmt gelebt zu haben, fanden viele Leute nicht sinnvoll. Man sollte nicht unterschätzen, dass viele ältere Menschen durch ihre vielfältigen Lebenserfahrungen und ihre Weitsicht eine ganz eigene Art haben, achtsam in kritischen Situationen umzugehen. In ein Risiko bewusst hineinzugehen, kann manchmal auch ein Weg sein. Die Achtsamkeit ist in risikoreichen Zeiten meist größer.

Bringt die Pandemie „digitale Silversurfer“ hervor?

Viel öfter wurden kreative Wege gesucht: Es wurde draußen gebibbert und gelacht, sich an Feuerschalen und Grills erwärmt und die Terrassenbestuhlung vom Sommer wurde gar nicht erst winterfest gemacht. Bei allem Leid, aller Stille und aller Einsamkeit, was die Pandemie als „Nebenwirkungen“ mit sich gebracht hat, und die es nun genauso im Blick zu halten gilt – die ältere Generation wurde digitaler. Sie wurde sprichwörtlich ins kalte „Corona“-Wasser geworfen. Wer seine Enkelkinder sehen wollte und noch nicht internetgeübt war, hat sich schnell einen digitalen Zugang beschafft. Gut jeder dritte Mensch ab 80 Jahren in Deutschland nutzt das Internet – in der Gesamtbevölkerung sind es fast neun von zehn Personen. 57 Prozent der Hochaltrigen mit Internetzugang sind täglich online. Das sind zwei zentrale Ergebnisses der Studie „Hohes Alter in Deutschland“ (D80+). (vgl. https://ceres.uni-koeln.de/forschung/d80 und https://www.dza.de/forschung/aktuelle-projekte/hohes-alter-in-deutschland-d80)

Es mangelte nicht an vielfältigen Angeboten: Spezielle Senioren-Smartphones, -Tablets und -Apps gibt es genügend auf dem Markt, schon vor der Pandemie. Man muss nur finden, was zu einem am besten passt. War man einmal im Besitz eines technischen Endgeräts, war das Kontakthalten zu den Enkelkindern zum Beispiel über virtuelle Spiele oder andere spaßbringende virtuelle Aktionen mühelos. Erstaunlicherweise oder besser erfreulicherweise ist, dass für die Mehrheit (75 Prozent) der Hochaltrigen die Corona-Pandemie keine Veränderung ihrer Internetnutzung bewirkt hat – auch das ist Teil des Studienergebnisses.

Nach dem ersten Lockdown ist ein Teil unserer GesprächspartnerInnen lieber das Risiko eingegangen an Covid-19 zu erkranken, als von ihrer Freude an und das Zusammensein mit der Familie einzubüßen, das sie nie wieder nachholen können. Frei nach dem Motto: „Unsere Enkelkinder, unser Hier und Jetzt“. Niemanden sollte ein Vorwurf gemacht werden; niemand sollte sich gezwungen fühlen und niemand sollte sich rechtfertigen müssen, warum er/sie sich so verhielt, wie er/sie es für richtig hielt bzw. hält. Gemeinsam für ein starkes Miteinander.

L. Schlichting

O-TÖNE

O-Ton 1: „Et hätt noch immer jot jejange“

Ich bin Dr. rer. nat. Christoph H. und bin 78 Jahre alt, Rentner und lebe in einem Dorf innerhalb der Stadt Overath im Rheinisch-Bergischen Kreis. Meine Frau ist vor 20 Jahren verstorben. Ich bin promovierter Physiker (Festkörperphysik) und habe im TÜV Rheinland im Bereich Umweltschutz und Luftreinhaltung und später im Vorstandsbüro gearbeitet. Als der Vorstandsvorsitzende Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen wurde, wurde ich auch Mitarbeiter dort.

Meine Frau hat mir fünf Kinder geboren und ich habe mittlerweile fünf Enkelkinder. Mein ältester Sohn hat drei, der andere Sohn hat zwei Kinder. Wie das Schicksal so wollte, sind die Cousins und Cousinen jeweils im gleichen Jahr geboren. Zwei sind acht Jahre alt, die anderen beiden sechs und die jüngste ist vier Jahre alt.

Meine Kinder leben größtenteils in der näheren Umgebung und können mit wenig Fahrzeit bei mir sein. Mein Sohn mit den drei Töchtern hat es hingegen etwas weiter. Seine Familie lebt in Bonn-Niederkassel.

Es gab ja mal eine Zeit zu Beginn der Pandemie in 2020, als sogar die Spielplätze in Köln gesperrt waren. In der Zeit kamen die Enkelinnen aus Köln regelmäßig zum Spielen zu mir. Hier gibt’s viel Platz und frische Luft; alles ist weitläufiger zwischen den Wiesen und Feldern.

Ich habe das Gefühl, dass die Belastung für die Mütter während der Pandemie erheblich gestiegen ist.

Bei meinem Geburtstag innerhalb des ersten Lockdowns galten noch sehr strikte Regeln. Aber ich kann ja schlecht sagen: „Mein eines Kind kann kommen und die anderen nicht“. Das hat sich die Politik nicht richtig durchdacht.

In meinem „anderen“, geselligen Leben hat es Einschränkungen gegeben. Das Internet konnte ich vorher schon bedienen – nur „Zoom“ war neu für mich; aber auch das habe ich schnell gelernt.

Wissen Sie: „Et hätt noch immer jot jejange“ – das ist die kölsche Version des Gottvertrauens und die ist nicht „einfach nur so“ dahingesagt.

O-Ton 2: „Jammern nützt nichts. Man muss das Beste daraus machen.“

„Mein Name ist Ruth W. Ich wurde 1949 geboren. Mein Mann und ich haben gemeinsam sechs Kinder erzogen: Zwei Familien leben in Deutschland verteilt von uns weiter weg, eine Familie lebt in Österreich, eine Familie lebt in unserem Nachbarort und zwei Familien leben über 3.000 km von uns entfernt. Bis vor drei Jahren war ich noch vollumfänglich in der Redaktion eines renommierten Magazins über Hauswirtschaft involviert. Mein Mann war selbstständig. Von Anfang an war für uns klar, dass wir nicht auch unsere (bisher) 15 Enkelkinder aufziehen können. Wir haben immer gesagt, dass jede Familie für sich selbst sorgen muss.

Unsere Arbeit und Ehrenämter sind und waren für uns sehr wichtig; haben viel Zeit eingefordert. Durch die Berufstätigkeit und dadurch, dass wir noch sehr gut auf uns selbst aufpassen und uns versorgen können, haben wir die letzten Jahre wenig vermisst. Durch unsere Großfamilienkonstellation und die geografische Verteilung haben wir auch vor der Pandemie schon viel die Sozialen Medien genutzt, um mit den Kindern und Enkeln in Kontakt zu sein. Nur „Zoom“ kam durch „Corona“ neu hinzu.

Die digitalen Medien ermöglichen uns trotz der Entfernung immer ganz nah zu sein. Mittlerweile fielen zwei Weihnachtsfeste in die Pandemiezeit. Mit all unseren Kindern und deren Familien haben wir dann über „Zoom“ eine Stunde lang Weihnachten gefeiert und Weihnachtslieder gesungen. Das war eine Freude!

Im Lockdown hat unsere Schwiegertochter auch mal Einkäufe mitgebracht. Da haben wir uns aber auch hin und wieder hinausgeschlichen und sind selbst auch einkaufen gefahren. Dennoch, all unsere Kinder- und Schwiegerkinder sorgten sich sehr um uns: Dass wir uns an die Regeln halten, Abstand wahren, nicht unbedingt raus mussten. Eine Tochter ist im medizinischen Bereich tätig. Da ist man nochmal besonders sensibilisiert. Wir haben uns dann sehr schnell auch impfen lassen. Nun stehen wir kurz vor dem vierten „Booster“.

Mittlerweile kommt das Leben ja wieder schrittweise in Schwung. Ich erinnere mich aber noch gut, wie wir in 2020, als das Wetter schön war, uns im Garten getroffen haben. Die Enkel und Kinder saßen draußen auf der Terrasse; mein Mann und ich drinnen im Wohnzimmer. Wir haben dann durch die geöffnete Tür Kaffee getrunken und gemeinsam gelacht. Auch das ging und wir haben sogar die Abstandsregeln eingehalten.

Übrigens, manche errichten sich eine Ahnengalerie. Ich habe mir eine Nachkommensgalerie vom Erdgeschoss über das Treppenhaus bis ins erste Obergeschoss errichtet. Nun hängen da lauter kleine Bilderrahmen mit fröhlichen Gesichtern von meinen Kindern und Kindeskindern. So haben wir sie jeden Tag vor Augen.

Ich versuche jede Situation so positiv wie nur möglich zu sehen. Wo kann ich einen Sonnenstrahl einpacken? Jammern nützt nichts. Man muss das Beste daraus machen. Man darf den Mut nicht verlieren. Es kommen auch wieder bessere Zeiten auf uns zu.“

O-Ton 3: EMpower-Familienpatin B. Roog über die Anfangszeit von „Corona“. Während „Corona“ habe ich Kraft gesammelt

„Ich erinnere mich noch gut an meine Antriebslosigkeit. Ich bin richtig lahm geworden. Die Kontakteinschränkungen in der Beziehung zu meinen eigenen Kindern und Enkelkindern waren dabei nicht so gravierend, da sie weit weg leben oder schon erwachsen sind. Der digitale Kontakt gehörte bereits vor der Pandemie zur Normalität. Eine Patenschaft für mir unbekannte Kinder wollte ich zu dieser Zeit jedoch tatsächlich noch nicht übernehmen.

Die erste Kontaktaufnahme zu einer „fremden“ Familie fand erst nach meiner dritten Impfung statt. Das war sowohl mir aus Rücksichtnahme auf meine eigene Familie als auch für die Patin sehr wichtig.

Heute lasse ich die gesammelte Kraft aus der lahmen Zeit mit Corona u. a. in meine Patenschaft fließen und das Patenkind Adam freut sich über eine mobile, kreative und lebenslustige Patin. Ich zähle zwar zur älteren Generation, aber ich fühle mich fit und jung.“


O-Ton 4: EMpower-Patenfamilie Sauer, ein Rentnerehepaar aus Köln: „Die vergangenen „Corona-Jahre“ haben uns nicht von unserer Patenschaftspflege abgehalten“

„In den letzten zwei Jahren gab es eigentlich nur vier Wochen (im ersten Lockdown), in der wir unsere Patenfamilie mit den fünf Kindern nicht gesehen haben. Das Miteinander ist nur teilweise anders geworden. In dieser Zeit hat uns auch das Treffen mit unseren Nachbarn und Freunden gefehlt.

Dass ein guter Bekannter im Krankenhaus gestorben ist und wir keine Möglichkeit hatten, sich von ihm zu verabschieden oder ihn einfach noch einmal zu sehen, ist für uns immer noch unendlich traurig.

Ich (Frau Sauer) erinnere mich aber auch an etwas absolut Positives aus dem ersten, sehr strengen Lockdown. Ich fand, dass der Himmel so tief blau war, wie selten zuvor, und ich mochte diese himmlische Ruhe, die über Köln lag.

Mein Mann und ich empfanden es jedoch als sehr schade, dass die Konfirmation eines unserer Patenkinder sprichwörtlich ins „Corona“-Wasser gefallen ist. Es gab den Gottesdienst mit Maske und einer begrenzte, sehr kleine Anzahl von Gästen. Eine schöne Feier mit geliebten Familienmitgliedern und Freunden konnte nicht stattfinden. Das betroffene Mädel hat ihre Konfirmation trotz allem genossen.

Zusammenfassend würden wir sagen, dass wir die vergangenen zwei Jahre mit „Corona“ nicht als schwierig empfunden haben. Wir haben Lösungen gefunden und konnten mit unserer Patenfamilie weiterhin fast jede Woche in Kontakt sein. Selbst in den drei Quarantäne-Phasen der Familie machten wir uns regelmäßig auf den Weg, um selbst gekochtes Essen und den Einkauf zu bringen. In dem Corona-Sommer 2021 haben wir auf unseren alljährigen Hotelurlaub verzichtet und sind in eine Ferienwohnung in die Eifel gefahren. Ein Kind als unserer Patenfamilie haben wir mitgenommen.

Jetzt freuen wir uns natürlich sehr, dass auch wir wieder ein Restaurant besuchen und dort ein gutes Essen genießen können. Und die Treffen mit Freunden, bei einem guten Gespräch mit spürbarer menschlicher Nähe empfinden wir als großes Geschenk.“

O-Ton 5: EMpower-Familienpatin P., Rentnerin: „Die letzten zwei Jahre waren ein Alptraum“

[Die Erzählung der Familienpatin P. berührt sehr. Ich kenne Sie schon lange als Herzensmensch mit viel Empathie, die sich als Rentnerin vielseitig engagiert.]

„Ich bin als Rentnerin vielseitig engagiert. Andere beschreiben mich als Herzensmensch mit viel Empathie. Die letzten zwei Jahre waren für mich allerdings ein Alptraum, weil ich gegen den Strom geschwommen bin. Nach wie vor kann ich mich nicht impfen lassen. Alles in mir sträubt sich gegen die Impfung. Damit habe ich mich freiwillig in Isolation begeben und trotzdem musste ich mir immer wieder sagen lassen, dass ich unsozial bin. Dass ich an den vielen „Corona“-Kranken mit schuld sei; dass ich für die Überarbeitung des Pflegepersonals verantwortlich sei und vieles mehr. Ich erlebte und erlebe, wie es ist, zu einer Minderheit zu gehören – das erste Mal in meinem Leben.“

O-Ton 6: Sylvia Krebs, 56, Koordinatorin der Familienpaten in NRW „EMpower – Engagement stärkt Mehrkindfamilien“. „Ein neues Gefühl des Miteinanders“

„Ich empfinde die „Corona“-Zeit noch immer als sehr spannend. Einige Mehrkindfamilien erzählen mir, dass sie während der letzten Monate das besondere Miteinander zu Hause genossen haben. Andere wiederum überhaupt nicht. Das „home schooling“ war oft die größere Herausforderung. Hier war die Unterstützung ehrenamtlicher Patinnen und Paten sehr wichtig – und manchmal ebenfalls eine Herausforderung.

Für mich selbst war die Zeit sehr bereichernd. (Mit meinen 56 Jahren zähle ich mich halb zur älteren Generation). Die Vorteile des digitalen Zeitalters haben so viele neue Wege des Miteinanders geschaffen. Und in der Natur waren jederzeit „reale“ Treffen möglich. Ich habe bewusst das neue Gefühl des Miteinanders auf Entfernung und das bereichernde Gefühl des Alleinseins genossen.

Seit Beginn der Corona-Zeit arbeite ich u. a. als Alltagsbegleiterin und habe seither die vielen anderen Schicksale, besonders der älteren Generation, erlebt. Viele Menschen haben sich regelrecht abgeschottet. Wir haben eingekauft für Menschen, die teilweise über ein Jahr ihr Zuhause nicht verlassen haben und auch währenddessen nicht zum Arzt gegangen sind. Kleine Gespräche an der Haustür oder am Fenster waren und sind für sie immer noch große Geschenke.

Dann gab es wieder andere ältere Menschen, die mir ganz klar gesagt haben: „Ob ich an Corona oder an Vereinsamung sterbe, ist für mich egal. Ich lebe einfach weiter und gehe überall hin, obwohl ich zur gefährdeten Gruppe gehöre.“

Es gibt so viele unterschiedliche Sichtweisen und Empfindungen, die ich alle aufnehme und die mir immer wieder eine neue Perspektive auf die Situation rund um „Corona“ geben. Das gibt mir Sicherheit und Verständnis für den Alltag und Kraft für die Arbeit mit all den Menschen, die sich Unterstützung wünschen oder brauchen.“

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier

Weitere Informationen über das EMpower-Patenprojekt finden Sie hier:

https://www.kinderreichefamilien.de/patenprojekt-empower.html

 

Weitere Informationen über den Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V.:

https://www.kinderreichefamilien.de/willkommen.html

 

Für Rückfragen: Dr. Laura Schlichting, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, presse@kinderreiche-familien.de

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KONTAKT

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ÜBER DEN KRFD

Der Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V. ist im Jahr 2011 aus der Initiative engagierter kinderreicher Familien entstanden, vertritt 1,4 Millionen kinderreicher Familien in Deutschland und setzt sich in Politik, Wirtschaft und Medien für ihre Interessen ein. Der Verband versteht sich als Netzwerk von Mehrkindfamilien, die sich untereinander unterstützen und die Öffentlichkeit für ihre Anliegen erreichen wollen. Der Verband ist konfessionell ungebunden und überparteilich.

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